Infopaket zu Filmen Send Nudes und Weißt Du wo die Grenze ist?

Produktion : Medienprojekt Wuppertal im Auftrag des Kompetenzzentrums Frauen und Gesundheit NRW.
Beide Filme wurden innerhalb eines Schulworkshops partizipativ durch 16 und 17jährige Schüler_innen einer Wittener Gesamtschule entwickelt.

Weißt Du, wo die Grenze ist?

Der Film ist aus einer weiblichen Perspektive gedreht. Die Hauptdarstellerin erlebt sexualisierte Gewalt in unterschiedlichen Formen:

  • Verbale/emotionale und körperlich sexualisierte Gewalt in einer face-to-face-Situation mit mehreren Schüler_innen in der Schule,
  • anschließend im eigenen Zimmer, einem vermeintlich sicherem Raum, sexualisierte Cybergewalt als sekundäres (da nicht von ihr initiiertes) Sexting also der Zusendung eines Penis-Fotos mit beleidigendem Text seitens eines Mitschülers.

An der ausgeübten Gewalt in der Schule sind die Jungen wortführend beteiligt, aber die Mädchen sind mehr als passiv agierende Bystanderinnen und beteiligen sich aktiv verbal. Die junge Frau erhält keine Unterstützung. Die Auswirkungen sind sehr deutlich sowohl im Ausdruck wie in der Körpersprache und den inneren Dialogen erkennbar: Sie ist verstört, unglücklich, fühlt sich gedemütigt, alleingelassen und ratlos: Sie kann nichts richtig machen, egal was sie tut, sie erlebt sexualisierte Gewalt/ sexualisiertes Mobbing. Am Ende probiert sie eine mögliche „Lösung“: weite schlichte Kleidung. Auch dies wird gegen sie verwendet: im inneren Dialog, in der nächsten vorgestellten Begegnung, die die Zuschauenden nicht direkt miterleben. Sie verharrt in der Situation des Opfers und darin geht es ihr schlecht.

Send Nudes

Dieser Film wurde aus einer männlichen Perspektive gedreht. Gewählt wurde das Thema „Sexting“, also das Verbreiten sexualisierter/ pornographischer Fotos im Internet. Es erfolgt eine quasi unabsichtliche Form digitaler Gewalt in der Beziehung, da der Hauptdarsteller zunächst nicht weiß, dass er Fotos seiner Freundin verbreitet. Im Moment des Erkennens seines „fatalen Irrtums“ zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen dem Umgang mit sexualisierten Bildern einer jungen Frau und sexualisierten Bildern „meiner“ Frau/ Freundin. Auch hierin liegt ein struktureller Aspekt digitaler sexualisierter (Beziehungs)-Gewalt. Die gesundheitlichen Folgen von Gewalt, in diesem Film beim jugendlichen Täter, sind: Alkoholmissbrauch, emotionale/ psychische Beeinträchtigung (Depression), Suizidgefährdung.

Auch für die junge Frau hat dieser Vorfall Folgen. Eine vorher als glücklich dargestellt Beziehung wird beendet und die damit verbundene große Enttäuschung angedeutet. Weitere (mögliche) gesundheitliche Folgen der durch sie selbst initiierten sexualisierten digitalen Kommunikation („primäres Sexting“ im Film als „Geschenk“), die anschließend erfahrene Cyber-Gewalt (sekundäres Sexting) und das dramatische Beziehungsende werden nicht konkret benannt, sind aber aus der aktuellen Forschung bekannt (vgl. Faktenblatt Teen-Dating-Violence).

Die Filme sind als zielgruppenspezifisches Informationsmaterial und Diskussionsgrundlage im Themenfeld Gesundheitsversorgung Heranwachsender, hier im Kontext von sexualisierter Gewalt in der Schule, in jugendlichen Paar- und Peerbeziehungen und deren gesundheitlichen Auswirkungen einsetzbar. Die geschlechtsspezifisch weibliche Perspektive des Films „Wo ist die Grenze“ verankert das Medium auch im Arbeitsbereich Intervention bei geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen.

Die geschlechtsspezifisch männliche Perspektive des Films „Send Nudes“ verankert das Medium auch im neuen Arbeitsbereich der gesundheitlichen Versorgung von (gewaltbelasteten) Männern.

Das digitale Medium soll in Richtung einer Prävention sexualisierter Gewalt und der Unterstützung gelingender, gleichberechtigter Beziehungen innerhalb und zwischen den Geschlechtern eingesetzt werden. Ziel ist auch ein ressourcenorientierter, konstruktiver Umgang mit bereits stattgefundener Gewalt – immer mit Blick auf die gesundheitlichen Folgen resp. deren Vermeidung. Da die Filme aus Perspektive der Jugendlichen das Problem präzise aufzeigen, ohne bereits auf Lösungsansätze zu verweisen, ist eine jeweilige zielorientierte Einbettung in entsprechende Veranstaltungen und eine Ergänzung durch Begleitmaterial und Links mit Unterstützungsangeboten über die Webseite des KFG sinnvoll.

Faktenblatt „Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen“
Das Faktenblatt gibt einen Überblick über von Jugendlichen und Heranwachsenden erlebte Gewalt in ihren ersten Paarbeziehungen und deren gesundheitliche Folgen. Neben dem aktuellen Stand der nationalen und internationalen Forschung zum Thema werden die Chancen und Problematiken einer angemessenen Versorgung thematisiert. Beispiele für eine gelungene Praxis werden ebenso aufgeführt. Schließlich werden aus diesen Resultaten mögliche Handlungsempfehlungen für NRW abgeleitet.
Zum Faktenblatt Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen (PDF)
Fact Sheet Teen Dating Violence
Das Fact Sheet fasst die wesentlichen Informationen zu „Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen“ zusammen. Es eignet sich für eilige Leser_innen ebenso wie als Handout für am Thema interessierte Profis. Zum Fact Sheet Teen Dating Violence (PDF)
Best Practice Beispiele
Im Folgenden werden deutschsprachige Best Practice Beispiele aufgeführt. Die Auflistung ist exemplarisch und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

EQUI-X – Geschlechterreflektiertes Empowerment von Jugendlichen und Prävention von geschlechtsbezogener Gewalt

Das Ziel des Projekts besteht darin, Jugendliche zu unterstützen, Geschlechterbilder über sich selbst zu entwickeln, die ihnen Handlungsspielräume eröffnen, gleichberechtigte Beziehungen zu gestalten und verantwortungsvoll mit der eigenen Gesundheit umzugehen.
Neben Bildungsveranstaltungen mit Kids und Jugendlichen werden auch Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte angeboten.
Die Leitung des Projekts liegt bei Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V. Außer in Deutschland wird das Projekt auch in Spanien, Portugal, Belgien und Kroatien durchgeführt.
Weitere Informationen finden sich unter:

Home

Heartbeat- Herzklopfen Beziehungen ohne Gewalt

Das europäische Projekt zur Prävention von Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen wird von Daphne III gefördert. Daphne ist ein Programm zur Prävention von Gewalt gegen Frauen und Kinder. Im Rahmen des Projekts werden umfangreich Informationen für Jugendliche und auch für Lehrende zusammengestellt. Diese Toolkits sind bereits in einer deutschsprachigen Version verfügbar:
https://tima-ev.de/images/tima-dokumente/Handbuch_Herzklopfen.pdf

Ein Programm für Jugendliche und junge Erwachsende ab 14 Jahren in Schule und Berufsschule. Das Präventionsprogramm zielt auf das psychische Wohlbefinden der Jugendlichen und jungen Menschen. Es bietet Unterstützung und Hilfestellung bei seelischen Krisen. Zum Themenspektrum gehören Alkohol, Depression oder Cybermobbing. Informationsmaterialien für Jugendliche, Lehrer_innen und Ausbildende werden über die Website angeboten.
Initiatoren des Projekts sind Irrsinnig Menschlich e.V. in Zusammenarbeit mit BARMER und gesundheitsziele.de.
Weitere Informationen finden sich unter:

Wieso Verrückt? Na und!


Aktion: Infos über TDV-Monat Februar USA
Ein Monat im Jahr für Konzentrierte Aktionen
Seit 2011 existiert einen Erlass des amerikanischen Präsidenten, der besagt, dass das Thema Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen (Teen Dating Violence) im Februar national besondere Aufmerksamkeit erhalten soll. Ziel ist es gemeinsam mit vielen Akteur_innen und den Jugendlichen die Notwendigkeit gelungener, gewaltloser Paarbeziehungen hervorzuheben.
Viele Organisationen, die sich mit den Themen Gewalt gegen (junge) Frauen und Kinder, aber auch Gewalt gegen LSBTIQ* Personen richten, konzentrieren ihre Aktionen unter einem gemeinsamen Motto.
Das Motto für 2019 lautet: “Your love is unique and consent”
Die Botschaft lautet: Deine Liebe ist einzigartig und einvernehmlich. Du hast und verdienst das Recht, dass Deine persönlichen Grenzen innerhalb Deiner Beziehung respektiert werden.
Zu den Aktionen zählen beispielsweise TV- oder Radiobeiträge, Spots in den digitalen Medien oder Berichte auf den Websites der Organisationen. Vor Ort in den Städten, Schulen oder Vereinen erfolgen ebenfalls gezielte Aktionen.
Presse und Politik werden mit aktuellen Prävalenzzahlen versorgt, Hilfseinrichtungen für gewaltbetroffene Jugendliche und Heranwachsende berichten über ihre Arbeit. Große Organisationen, die sich besonders mit dieser Zielgruppe beschäftigen, haben auch längerfristige Kampagnen: „Love is respect“ konzentriert sich auf die Gestaltung gelungener, gesunder Beziehungen und bietet neben Informationsmaterial auch Schulungen an. „That‘s not cool“ eine weitere Kampagne, die sich mit dem Thema Gewalt in digitalen Medien beschäftigt oder „Coaching Boys to Men“, eine Kampagne, die sich an Männer aller Altersstufen richtet, sich gegen Häusliche Gewalt zu engagieren.
Neben den Jugendlichen werden auch Eltern, Lehrer_innen, Trainer_innen aus Sportvereinen oder andere potentielle Vertrauenspersonen aufgefordert, nicht wegzuschauen, wenn sich Jugendliche plötzlich verändern. Sie erhalten Informationsmaterialen, die sie ermutigen sollen, mit Jugendlichen über das Thema Gewalt in den ersten Beziehungen zu sprechen. Das ist notwendig, weil Jugendliche in diesen ersten Beziehungen Verhaltensmuster ausprobieren, die dann auch im Erwachsenenalter übernommen werden können. Solche Verhaltensweisen wachsen sich also nicht aus.
Selbstverständlich dürfen auch Anlaufstellen und Kontaktadressen für betroffene Jugendliche und andere am Thema Interessierte nicht fehlen.

Hier einige Links zum Thema:
President of the United States (2011): Proclamation National Teen Dating Violence Awareness and Prevention Month 2011. Zugriff unter: www.whitehouse.gov/the-press-office/2011/01/31.

February Is Teen Dating Violence Awareness Month

Resources

That’s Not Cool: Teen Dating Violence and Healthy Relationships in the Digital Age

Healthy Relationships

Unterstützungseinrichtungen für junge Frauen und Männer
https://www.nummergegenkummer.de/kinder-und-jugendtelefon.html
Nummer gegen Kummer e.V. (NgK) ist der Dachverband des größten kostenfreien, telefonischen Beratungsangebotes für Kinder, Jugendliche und Eltern in ganz Deutschland.
https://profamilia.de/fuer-jugendliche/rechte-und-sexualitaet/sexuelle-gewalt.html
Beratungsangebote der Pro Familia für Jugendliche
https://www.hilfetelefon.de/
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, Beratung in 17 Sprachen, 24 Stunden, 365 Tage
https://www.frauenberatungsstellen-nrw.de/
Eine Beratungsstelle für Frauen und Mädchen in NRW finden